24.04.2019 - 24.04.2019

FRÜHLINGSVORLESUNG von MICHAEL KÖHLMEIER

WER, WENN NICHT WIR - Teil I

Kaum ein Wort lässt sich finden, dessen Bedeutung und Anwendung weniger eint, als das kleine Wörtchen Wir. Einmal tut es wohl, weil es dem einsamen Ich eine Heimat bietet und eine Ahnung auftreibt, woher es kommt, und eine Beruhigung bietet, die darin besteht, nicht für alles verantwortlich zu sein, die guten Taten als sicheres Geschenk, die bösen Taten als Veranlagung zu sehen, gegen die ein Ich nur schwer ankann. In der anderen Lesart wird das Wir zu Uniform, die man ablegen oder anlegen kann, je nachdem die Stimmung auf Freund oder Feind eingestellt ist. Dieses Wir ist immer ein zeitlich begrenztes und in seiner Stoßrichtung variables Wir, jeder kann sein Freund und Kampfgenosse werden, jeder sein Feind. Es ist ein aktuelles Wir. Es macht uns zu Zeitgenossen und zu Opportunisten, zu Rechthabern und Nicht-Rechthabern. In das erste Wir kann integriert werden. Es ist dem Ich nahe, es erzählt Geschichten. Geschichten berichten immer von anderen, auch wenn das Ich oder das Wir im Mittelpunkt steht. Das zweite Wir, das militärische, erzählt keine Geschichten, es erzählt Geschichte, es erzeugt Mythen, die keine andere Funktion haben, als Ideologie zu sanktionieren.

Über die Sprengkraft eines kleinen Wortes – wie wird aus intimster Familiengeschichte eine öffentliche Verpflichtung, ein Eid, die Begeisterung, für etwas zu sterben und für etwas zu töten, das niemand je gesehen hat, das nicht zur Familie gehört, über das sich keine Geschichten erzählen lassen?

 


 

Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard am Bodensee, lebt als freier Schriftsteller in Hohenems/Vorarlberg und Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen, sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. Rauriser Literaturpreis (1983), Manès-Sperber-Preis (1995) und Anton-Wildgans-Preis (1996). Zuletzt erschienen u.a. die Romane „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ (2013) und „Zwei Herren am Strand“ (2014). Bei Haymon: „Sunrise“. Erzählung (1994, HAYMONtb 2010), „Die Leute von Lech“ (mit Fotos von Konrad R. Müller, 1994), „Trilogie der sexuellen Abhängigkeit“ (HAYMONtb 2008), „Drei Depeschen gegen den Krieg“ (2014), „Das Lied von den Riesen“. Mit Zeichnungen von Lorenz Helfer (2015), „Der Unfisch“ (HAYMONtb 2016) sowie zuletzt „Der Mensch ist verschieden“ (2017), eine kleine Sammlung an Charakterporträts, die Michael Köhlmeier gemeinsam mit seiner Frau Monika Helfer verfasst hat. 2018 erschien Michael Köhlmeiers Liebeserklärung an die Märchen „Von den Märchen“. Eine lebenslange Liebe als Auftakt der Reihe HAYMON schwärmt.

24. April 2019

Beginn: 19 Uhr
Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30 A-8010 Graz

Anfragen und Anmeldung:

Akademie Graz, Elke Riedlberger
T: 0316 837985-14
E:
elke.riedlberger@akademie-graz.at


Eine Veranstaltung von Akademie Graz in Kooperation mit Literaturhaus Graz, Residenz Verlag, DIE PRESSE und Ursulinen Graz

unterstützt von:
Logo Land Steiermark Kultur, Europa, Aussenbeziehungen
Graz Kultur
Logo und Link Residenz Verlag
Logo und Link Literaturhaus Graz
Logo und Link Die Presse
Nachlese
Frühlingsvorlesung
OLGA FLOR: POLITIK DER EMOTIONEN

Man kann sich nicht ewig im Privaten breitmachen, so spannend ist die Sache wirklich nicht. Die Lage der Welt rundum schreit nach Aktivwerdung, nach Mitwirkung, Beteiligung an allen Formen des auf andere Menschen Zugehens, des mühseligen kleinen Entgegenwirkens gegen all die Verletzungen, Verhärtungen, gegen die an­ wachsende Verzückung durch simplizistische Ideengebäude, durch Faschismen religiöser, monetärer und anderer Art. Und die ganze Kleinarbeit, die dem entgegen wirken könnte, muss man wohl selbst erledigen. Dass das Private dabei gar nicht mehr privat bleibt, nicht aus den altbekannten Gründen, sondern weil eine allwissende Dingwelt dabei ist, die Kontrolle über ihre Menschen zu übernehmen, ist dabei mindestens ebenso bedenklich, wird aber resignierend hingenommen.
Es gilt, öffentlich zu werden, anhand von Fakten – gern geschmäht, warum eigentlich? – zu diskutieren, zu reden, zuzuhören, Widerspruch zuzulassen und selbst zu widersprechen, um einer politischen Stimmungsmache etwas entgegen zu setzen, die das Modell der liberalen Demokratie für obsolet erklärt und sich dabei auf eine gefühlte Mehrheitsmeinung eines schwammig definierten Volks beruft.“
 


 

Die Welt in Reichweite bringen
Kritische Reflexionen zum Verhältnis von Resonanz und Unverfügbarkeit Teil I

Resonanz lässt sich als ein komplexer Prozess verstehen, der durch vier Merkmale gekennzeichnet ist: 1) Affizierung: Ein Subjekt lässt sich von einem anderen Menschen, einem Ding, einer Idee oder Melodie o.ä. berühren und bewegen; 2) Selbstwirksamkeit: Es antwortet darauf mit einer leiblichen, emotionalen, kognitiven und kreativen Reaktion; 3) Transformation: Dadurch entsteht eine ‚Antwortbeziehung‘, in deren Verlauf sich sowohl das Subjekt als auch das begegnende Andere transformieren; 4) Unverfügbarkeit: Was sich als das Ergebnis dieses Prozesses ergibt, lässt sich nicht vorhersagen oder planen, daher ist das vierte Element des Resonanzgeschehens ein Moment der Unverfügbarkeit. Unverfügbarkeit bezieht sich dabei nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch schon auf das Auftreten von Resonanz überhaupt: Sie lässt sich nicht erzwingen oder (rein) instrumentell herbeiführen. Das zentrale Bestreben der Moderne dagegen gilt stets dem ‚Dingfest-‘ und Verfügbarmachen der Welt. Die Weltdinge und Prozesse sollen wissenschaftlich, technisch, ökonomisch, rechtlich und politisch kontrolliert und alltagspraktisch verfügbar werden. Dies hat jedoch zur Kehrseite, dass uns die Welt zu ‚verstummen‘ droht. Tatsächlich sind eben darin Kreativität und Resonanz intrinsisch miteinander verbunden: Auch Kreativität ist durch dieses Doppelmoment von Unverfügbarkeit gekennzeichnet, und auch Kreativität hat einen transformativen Aspekt. Daher lässt sich das Kunstschaffen als ein Resonanzgeschehen zwischen der künstlerischen Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Subjekts und der Unverfügbarkeit eines sich immer auch entziehenden, aber antwortenden Gegenübers verstehen. Die Vorträge werden versuchen, diesen Zusammenhang zwischen Resonanz, Kreativität und Unverfügbarkeit in Lebenswelt und Gesellschaft der Moderne systematisch zu entfalten und die hier angelegte Spannung für eine Gesellschaftskritik zu nutzen. 

Hartmut Rosa

 


 

Die Welt in Reichweite bringen
Kritische Reflexionen zum Verhältnis von Resonanz und Umverfügbarkeit TEIL II

Resonanz lässt sich als ein komplexer Prozess verstehen, der durch vier Merkmale gekennzeichnet ist: 1) Affizierung: Ein Subjekt lässt sich von einem anderen Menschen, einem Ding, einer Idee oder Melodie o.ä. berühren und bewegen; 2) Selbstwirksamkeit: Es antwortet darauf mit einer leiblichen, emotionalen, kognitiven und kreativen Reaktion; 3) Transformation: Dadurch entsteht eine ‚Antwortbeziehung‘, in deren Verlauf sich sowohl das Subjekt als auch das begegnende Andere transformieren; 4) Unverfügbarkeit: Was sich als das Ergebnis dieses Prozesses ergibt, lässt sich nicht vorhersagen oder planen, daher ist das vierte Element des Resonanzgeschehens ein Moment der Unverfügbarkeit. Unverfügbarkeit bezieht sich dabei nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch schon auf das Auftreten von Resonanz überhaupt: Sie lässt sich nicht erzwingen oder (rein) instrumentell herbeiführen. Das zentrale Bestreben der Moderne dagegen gilt stets dem ‚Dingfest-‘ und Verfügbarmachen der Welt. Die Weltdinge und Prozesse sollen wissenschaftlich, technisch, ökonomisch, rechtlich und politisch kontrolliert und alltagspraktisch verfügbar werden. Dies hat jedoch zur Kehrseite, dass uns die Welt zu ‚verstummen‘ droht. Tatsächlich sind eben darin Kreativität und Resonanz intrinsisch miteinander verbunden: Auch Kreativität ist durch dieses Doppelmoment von Unverfügbarkeit gekennzeichnet, und auch Kreativität hat einen transformativen Aspekt. Daher lässt sich das Kunstschaffen als ein Resonanzgeschehen zwischen der künstlerischen Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Subjekts und der Unverfügbarkeit eines sich immer auch entziehenden, aber antwortenden Gegenübers verstehen. Die Vorträge werden versuchen, diesen Zusammenhang zwischen Resonanz, Kreativität und Unverfügbarkeit in Lebenswelt und Gesellschaft der Moderne systematisch zu entfalten und die hier angelegte Spannung für eine Gesellschaftskritik zu nutzen.

Hartmut Rosa

 

Die Welt in Reichweite bringen
Kritische Reflexionen zum Verhältnis von Resonanz und Unverfügbarkeit

Resonanz lässt sich als ein komplexer Prozess verstehen, der durch vier Merkmale gekennzeichnet ist: 1) Affizierung: Ein Subjekt lässt sich von einem anderen Menschen, einem Ding, einer Idee oder Melodie o.ä. berühren und bewegen; 2) Selbstwirksamkeit: Es antwortet darauf mit einer leiblichen, emotionalen, kognitiven und kreativen Reaktion; 3) Transformation: Dadurch entsteht eine ‚Antwortbeziehung‘, in deren Verlauf sich sowohl das Subjekt als auch das begegnende Andere transformieren; 4) Unverfügbarkeit: Was sich als das Ergebnis dieses Prozesses ergibt, lässt sich nicht vorhersagen oder planen, daher ist das vierte Element des Resonanzgeschehens ein Moment der Unverfügbarkeit. Unverfügbarkeit bezieht sich dabei nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch schon auf das Auftreten von Resonanz überhaupt: Sie lässt sich nicht erzwingen oder (rein) instrumentell herbeiführen. Das zentrale Bestreben der Moderne dagegen gilt stets dem ‚Dingfest-‘ und Verfügbarmachen der Welt. Die Weltdinge und Prozesse sollen wissenschaftlich, technisch, ökonomisch, rechtlich und politisch kontrolliert und alltagspraktisch verfügbar werden. Dies hat jedoch zur Kehrseite, dass uns die Welt zu ‚verstummen‘ droht. Tatsächlich sind eben darin Kreativität und Resonanz intrinsisch miteinander verbunden: Auch Kreativität ist durch dieses Doppelmoment von Unverfügbarkeit gekennzeichnet, und auch Kreativität hat einen transformativen Aspekt. Daher lässt sich das Kunstschaffen als ein Resonanzgeschehen zwischen der künstlerischen Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Subjekts und der Unverfügbarkeit eines sich immer auch entziehenden, aber antwortenden Gegenübers verstehen. Die Vorträge werden versuchen, diesen Zusammenhang zwischen Resonanz, Kreativität und Unverfügbarkeit in Lebenswelt und Gesellschaft der Moderne systematisch zu entfalten und die hier angelegte Spannung für eine Gesellschaftskritik zu nutzen.

Hartmut Rosa

 

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