02.06.2022 - 03.06.2022

UNRUHE BEWAHREN

Barbara Vinken: Ver-kleiden

Was wir tun, wenn wir uns anziehen.

Ziehen wir uns als Frau, als Mann an? Drücken wir in unseren Kleidern nur uns selbst authentisch aus? Ist nicht Mode das Spiel zwischen den Geschlechtern, zwischen den Klassen, zwischen den Identitäten - eine Sprache, eine Konvention, die wir nicht selbst bestimmen, sondern der wir bei aller Selbstoptimierung unterworfen sind? Mann als Frau als Mann? Frau als Mann als Frau? Und macht nicht dieses Durchkreuzen, dieses Verkleiden Lust und Reiz der Mode aus? 

 

Barbara Vinken, geboren 1960 in Hannover, studierte Kunst- und Literaturwissenschaften in Freiburg, Paris und an der Yale University. Sie lehrte in Konstanz, Berlin, Jena, New York und New Haven. Seit 1999 ist sie Professorin für Romanistik in Hamburg.

Schwerpunkte der Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin sind die französische Literatur (Flaubert), Mode-Theorie, Feminismus und Kunst. Einem breiten Publikum wurde Vinken mit ihrem Buch Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos (Piper 2001/S. Fischer 2007) bekannt, in dem sie den Mythos der Mütterlichkeit und die Un-Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf in Deutschland analysiert. 2011 erschien Bestien. Kleist und die Deutschen (Merve), Angezogen. Das Geheimnis der Mode (Klett-Cotta 2013) war 2014 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert.
Barbara Vinken lebt mit Mann und Kind in Berlin. Im Sommersemester 2022 ist sie Fellow der IFK Kunstuniversität Linz in Wien. Dort forscht sie zum Thema Oper und Opfer.

2. und 3. Juni 2022

FRÜHLINGSVORLESUNG
UNRUHE BEWAHREN

BARBARA VINKEN

VER-KLEIDEN
Was wir tun, wenn wir uns anziehen.


Donnerstag, 02.06.2022,
Freitag, 03.06.2022,
jeweils 19.00 Uhr

 

Im Anschluss:  Prof. Dr. Barbara Vinken, Ph.D.
im Gespräch mit
Prof. em. Dr. Thomas Macho (Direktor IFK)

 

Literaturhaus Graz
Elisabethstraße 30, 8010 Graz

Preise und Infos zur Anmeldung unter:
www.literaturhaus-graz.at

 

Eine Veranstaltung von Akademie Graz in
Kooperation mit Literaturhaus Graz, Residenz Verlag, DIE PRESSE und Ursulinen Graz

unterstützt von:
Graz Kultur
Logo und Link Residenz Verlag
Logo und Link Literaturhaus Graz
Logo und Link Die Presse
Logo und Link Ursulinen
Nachlese
Die Welt in Reichweite bringen
Kritische Reflexionen zum Verhältnis von Resonanz und Unverfügbarkeit

Resonanz lässt sich als ein komplexer Prozess verstehen, der durch vier Merkmale gekennzeichnet ist: 1) Affizierung: Ein Subjekt lässt sich von einem anderen Menschen, einem Ding, einer Idee oder Melodie o.ä. berühren und bewegen; 2) Selbstwirksamkeit: Es antwortet darauf mit einer leiblichen, emotionalen, kognitiven und kreativen Reaktion; 3) Transformation: Dadurch entsteht eine ‚Antwortbeziehung‘, in deren Verlauf sich sowohl das Subjekt als auch das begegnende Andere transformieren; 4) Unverfügbarkeit: Was sich als das Ergebnis dieses Prozesses ergibt, lässt sich nicht vorhersagen oder planen, daher ist das vierte Element des Resonanzgeschehens ein Moment der Unverfügbarkeit. Unverfügbarkeit bezieht sich dabei nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch schon auf das Auftreten von Resonanz überhaupt: Sie lässt sich nicht erzwingen oder (rein) instrumentell herbeiführen. Das zentrale Bestreben der Moderne dagegen gilt stets dem ‚Dingfest-‘ und Verfügbarmachen der Welt. Die Weltdinge und Prozesse sollen wissenschaftlich, technisch, ökonomisch, rechtlich und politisch kontrolliert und alltagspraktisch verfügbar werden. Dies hat jedoch zur Kehrseite, dass uns die Welt zu ‚verstummen‘ droht. Tatsächlich sind eben darin Kreativität und Resonanz intrinsisch miteinander verbunden: Auch Kreativität ist durch dieses Doppelmoment von Unverfügbarkeit gekennzeichnet, und auch Kreativität hat einen transformativen Aspekt. Daher lässt sich das Kunstschaffen als ein Resonanzgeschehen zwischen der künstlerischen Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Subjekts und der Unverfügbarkeit eines sich immer auch entziehenden, aber antwortenden Gegenübers verstehen. Die Vorträge werden versuchen, diesen Zusammenhang zwischen Resonanz, Kreativität und Unverfügbarkeit in Lebenswelt und Gesellschaft der Moderne systematisch zu entfalten und die hier angelegte Spannung für eine Gesellschaftskritik zu nutzen.

Hartmut Rosa

 

FRÜHLINGSVORLESUNG von MICHAEL KÖHLMEIER
WER, WENN NICHT WIR - Teil I

Kaum ein Wort lässt sich finden, dessen Bedeutung und Anwendung weniger eint, als das kleine Wörtchen Wir. Einmal tut es wohl, weil es dem einsamen Ich eine Heimat bietet und eine Ahnung auftreibt, woher es kommt, und eine Beruhigung bietet, die darin besteht, nicht für alles verantwortlich zu sein, die guten Taten als sicheres Geschenk, die bösen Taten als Veranlagung zu sehen, gegen die ein Ich nur schwer ankann. In der anderen Lesart wird das Wir zu Uniform, die man ablegen oder anlegen kann, je nachdem die Stimmung auf Freund oder Feind eingestellt ist. Dieses Wir ist immer ein zeitlich begrenztes und in seiner Stoßrichtung variables Wir, jeder kann sein Freund und Kampfgenosse werden, jeder sein Feind. Es ist ein aktuelles Wir. Es macht uns zu Zeitgenossen und zu Opportunisten, zu Rechthabern und Nicht-Rechthabern. In das erste Wir kann integriert werden. Es ist dem Ich nahe, es erzählt Geschichten. Geschichten berichten immer von anderen, auch wenn das Ich oder das Wir im Mittelpunkt steht. Das zweite Wir, das militärische, erzählt keine Geschichten, es erzählt Geschichte, es erzeugt Mythen, die keine andere Funktion haben, als Ideologie zu sanktionieren.

Über die Sprengkraft eines kleinen Wortes – wie wird aus intimster Familiengeschichte eine öffentliche Verpflichtung, ein Eid, die Begeisterung, für etwas zu sterben und für etwas zu töten, das niemand je gesehen hat, das nicht zur Familie gehört, über das sich keine Geschichten erzählen lassen?

 


 

FRÜHLINGSVORLESUNG von MICHAEL KÖHLMEIER
WER, WENN NICHT WIR

Herr Michael Köhlmeier wird auf Einladung des Privatgymnasiums Ursulinen für die SchülerInnen der Oberstufe eine Auszug seines Textes "Wer, wenn nicht wir" vortragen. Im Anschluß darauf haben die SchülerInnen wieder Gelegenheit in Diskurs mit dem Referent zu treten und sich gemeinsam mit dem Thema seines Vortrags auseinanderzusetzen! 

 

Kaum ein Wort lässt sich finden, dessen Bedeutung und Anwendung weniger eint, als das kleine Wörtchen Wir. Einmal tut es wohl, weil es dem einsamen Ich eine Heimat bietet und eine Ahnung auftreibt, woher es kommt, und eine Beruhigung bietet, die darin besteht, nicht für alles verantwortlich zu sein, die guten Taten als sicheres Geschenk, die bösen Taten als Veranlagung zu sehen, gegen die ein Ich nur schwer ankann. In der anderen Lesart wird das Wir zu Uniform, die man ablegen oder anlegen kann, je nachdem die Stimmung auf Freund oder Feind eingestellt ist. Dieses Wir ist immer ein zeitlich begrenztes und in seiner Stoßrichtung variables Wir, jeder kann sein Freund und Kampfgenosse werden, jeder sein Feind. Es ist ein aktuelles Wir. Es macht uns zu Zeitgenossen und zu Opportunisten, zu Rechthabern und Nicht-Rechthabern. In das erste Wir kann integriert werden. Es ist dem Ich nahe, es erzählt Geschichten. Geschichten berichten immer von anderen, auch wenn das Ich oder das Wir im Mittelpunkt steht. Das zweite Wir, das militärische, erzählt keine Geschichten, es erzählt Geschichte, es erzeugt Mythen, die keine andere Funktion haben, als Ideologie zu sanktionieren.

Über die Sprengkraft eines kleinen Wortes – wie wird aus intimster Familiengeschichte eine öffentliche Verpflichtung, ein Eid, die Begeisterung, für etwas zu sterben und für etwas zu töten, das niemand je gesehen hat, das nicht zur Familie gehört, über das sich keine Geschichten erzählen lassen?

FRÜHLINGSVORLESUNG von MICHAEL KÖHLMEIER
WER, WENN NICHT WIR - Teil II

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