UNRUHE BEWAHREN

FRÜHLINGS- UND HERBSTVORLESUNGEN

Die Frühlings- und Herbstvorlesungen antworten auf eine Gegenwartstendenz, die immer ungemütlicher wird. Dem Fortschritt der Moderne wohnt eine Verschleißunruhe inne. Die Vergangenheit wird zunehmend entwertet, die Zukunft ihrer Substanz beraubt. Wer gegen diesen Strom schwimmen will, ermüdet rasch. Die Frühlings- und Herbstvorlesungen sind vom Prinzip Anachronie getragen, also von der Idee, dass engagierte Zeitgenossenschaft mit dem Mut zur Vorsicht ebenso wie der Leidenschaft für das Unzeitgemäße verknüpft werden sollte.

DIE VORLESUNGEN
Die Frühlings- und Herbstvorlesungen der Akademie Graz finden jedes Jahr zum Frühlingsbeginn und im November in der Zeit von Allerheiligen von Montag bis Dienstag in Form von zwei Abendvorlesungen statt.

 

 

 

PUBLIKATION - Essayreihe Unruhe bewahren

Die Frühlingsvorlesungen wurden bis 2008 im Styria Verlag publiziert, in der Reihe Bibliothek der Unruhe und des Bewahrens, hrsg. von Adolf Holl, Thomas Macho und Peter Strasser, Redaktion: Michael Fleischhacker und Harald Klauhs, Graz/Wien/Köln (Styria) 2002-2008. Mit 2008 hat der Styria Verlag die Reihe eingestellt.

Mit der Frühlingsvorlesung 2009 wurde eine neue, eigenständige Essay-Reihe im Residenz-Verlag gestartet:
UNRUHE BEWAHREN - Frühlings- und Herbstvorlesungen der Akademie Graz
Residenz-Verlag: St.Pölten-Salzburg 2009 ff
Redaktion: Astrid Kury, Claudia Romeder, Harald Klauhs
Wissenschaftliche Beratung: Peter Strasser (Graz), Thomas Macho (Berlin)


Bisher erschienen:

Band 1: Dimitré Dinev
BARMHERZIGKEIT
St. Pölten-Salzburg 2010

Barmherzigkeit – hat dieser Begriff noch eine Bedeutung? Pointiert und gleichnishaft erzählt Dimitré Dinev in vier kurzen Essays von Bettelkindern, die in den Westen verschleppt dem Kapitalismus dienen und von einem Land, in dem man anstelle von Frieden von Sicherheit spricht. Er skizziert eine Gesellschaft, die nicht barmherzig sein kann, und stellt ihr ein Ich gegenüber, das bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

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Band 2: Thomas Macho
DAS LEBEN IST UNGERECHT
St. Pölten-Salzburg 2010

Thomas Macho führt uns in einen spannenden philosophischen Diskurs über eine Welt, die zwar den Begriff „Gerechtigkeit“ kennt, deren Realität jedoch eine andere ist. Denn gilt einerseits „Alle Menschen sind gleich“, so gilt ebenso „Das Leben ist ungerecht.“ Krankheiten, Behinderungen, Lebensdauer und Todesarten stellen die sozialpolitischen Ideale der Gerechtigkeit infrage.

La vita è ingiusta, übersetzt von Antonio Lucci, Rom (Nottetempo) 2013.

 

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Außerhalb der Reihe: Anneliese Rohrer
DAS ENDE DES GEHORSAMS
Braumüller Verlag, 2011

Die größte Gefahr für die Demokratie in Österreich ist die Gleichgültigkeit seiner Bürger. Und ihr Unwillen, sich aktiv in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen. Und ihr Gleichmut allen Verstößen demokratischer Spielregeln gegenüber. In Österreich hat sich der Gehorsam den Mächtigen gegenüber auf vielen, wenn nicht sogar allen Ebenen als Leistungskategorie entwickelt. So lässt sich aber auf Dauer keine lebendige Demokratie festigen. Es ist eine Illusion zu glauben, die Entwicklung der Zweiten Republik sei unumkehrbar.

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Band 3: Peter Bieri (Pascal Mercier)
WIE WOLLEN WIR LEBEN?
St. Pölten-Salzburg 2011

Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Davon hängen unsere Würde und unser Glück ab. Wie können wir Einfluss auf unser Leben nehmen, sodass es uns nicht einfach nur zustößt? Welche Rolle spielt dabei Selbsterkenntnis? Wann sind die Anderen eine Hilfe für Selbstbestimmung und wann ein Hindernis? Und welche Bedeutung hat die Literatur für all das? Diese Überlegungen des Philosophen und Schriftstellers Peter Bieri alias Pascal Mercier sind eine Fortführung seiner Betrachtungen in "Das Handwerk der Freiheit" (2001).

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Band 4: Peter Strasser
KEIN TAG OHNE ERLEICHTERUNG
St. Pölten-Salzburg 2011

Der bekannte Spruch „Philosophieren heißt sterben lernen“ ist wohl der dümmste, den sich ein Liebhaber der Weisheit je ausdachte. Alle Philosophie beginnt damit, dass man sich ungesunde Gedanken macht. Dabei ist unser Philosoph kein freischaffender Irrwisch. Nein, er ist Beamter und lebt in einer bescheidenen Beamtenwohnung, im bereits historischen Status der Pragmatisierung. Mit seinen Wegbegleitern, dem Vollmops Paul, den Meerschweinchen Fritzi & Fratzi und seinem Freund, dem Trottel, stolpert unser Liebhaber der Weisheit durch das Leben, verzittert, aber fest entschlossen, den täglichen Weltuntergängen die Stirn zu bieten.

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Band 5: Helwig Brunner, Kathrin Passig, Franz Schuh
DIE KUNST DES ZWITSCHERNS
St. Pölten-Salzburg 2012

Wovon Poeten, Twitterer und Schluckspechte reden, wenn es ums Zwitschern geht.
Franz Schuh widmet sich als meisterlicher Essayist dem Zwitschern von Schluckspechten, ihrem Schwanken an der Kippe zwischen Souveränitätsutopie und Abhängigkeitsrealität. Twitter hat dem arabischen Frühling zum Durchbruch verholfen, sagt man; ist Twittern also doch mehr als leeres Gezwitscher? fragt Kathrin Passig. Zur Frage, was Poesie und Vogelgezwitscher verbindet, ist wiederum Helwig Brunner zweifacher Experte, nicht nur als einer der wichtigsten jungen Lyriker im deutschsprachigen Raum, sondern auch als Ornithologe.
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Band 6: Anna Mitgutsch
DIE GRENZEN DER SPRACHE
St. Pölten-Salzburg 2012

Der Horizont war vielleicht schon immer die größte Versuchung der Künste. Anna Mitgutsch erzählt, wie Dichter versuchten, die Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren zu überschreiten. Jede versuchte Annäherung ist sowohl ein faszinierendes Versprechen der Erkenntnis als auch ein Ort der Todesfurcht. Der Gegenwart ist die Idee des Horizonts zwar abhanden gekommen – nicht aber die Sehnsucht danach: Das Paradox des Menschen besteht wohl darin, dass es ihm nicht auszutreiben ist, etwas ergründen zu wollen, das nie verstanden werden kann, und wenn nicht am Horizont des Erfahrbaren, dann im Weltinnenraum.

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Band 7: Ilija Trojanow
DIE ÜBERFLÜSSIGEN
St. Pölten-Salzburg 2013

Wer nichts produziert und nichts konsumiert, ist überflüssig – so die mörderische Logik des Spätkapitalismus. Überbevölkerung sei das größte Problem unseres Planeten – so die internationalen Eliten. Doch wenn die Menschheit reduziert werden soll, wer soll dann verschwinden, fragt Trojanow in seiner humanistischen Streitschrift wider die Überflüssigkeit des Menschen.  Jene, die keine ökonomischen Werte schaffen?  In seinen eindringlichen Analysen schlägt Trojanow den Bogen von den Verheerungen des Klimawandels über die Erbarmungslosigkeit neoliberaler Arbeitsmarktpolitik bis zu den massenmedialen Apokalypsen, die wir, die scheinbaren Gewinner, mit Begeisterung verfolgen. Doch wir täuschen uns: Es geht auch um uns, es geht um alles.

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Band 8: Martin Pollack
KONTAMINIERTE LANDSCHAFTEN
St. Pölten-Salzburg 2014

An die offiziellen Opfer des 20. Jahrhunderts erinnern Mahnmale und Kriegerdenkmäler. Doch wo gedenken wir der Tausenden namenlos gewordenen, heimlich verscharrten Toten – Juden oder Roma, Antikommunisten oder Partisanen? Wie leben wir in Landschaften, die kontaminiert sind mit den unzähligen vertuschten Massakern Mitteleuropas – im burgenländischen Rechnitz genauso wie im slowenischen Kocevski Rog oder in Kurapaty bei Minsk? Martin Pollack geht es um das schonungslose, aber sorgsame Zeichnen einer anderen, wahrhaftigeren Landkarte unsere Kontinents. Einer Landkarte, in der Erinnerung und Verortung an die Stelle vergifteter Geheimnisse und anonymer Gräber treten.

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Band 9: Klaus Theweleit
DAS LACHEN DER TÄTER: BREIVIK u.a.
Psychogramm der Tötungslust
St. Pölten-Salzburg 2014

Vom Lachen der Killer wird in zahlreichen Fällen erzählt, auch die deutschen Wehrmachtssoldaten sollen einander in englischer Kriegsgefangenschaft ihre Gräueltaten mit großer Heiterkeit berichtet haben. Hinter dem Lachen verbirgt sich aber auch die andere Seite der Tötungslust: die kalte Rationalität der Rede, wenn die Täter ihre Taten öffentlich begründen. So kommt Anders Breiviks Verteidigung vor Gericht dem Text eines Statistikseminars über Einwandererzahlen in Norwegen nahe. Theweleits Essay entlarvt die Begründungssprache als Deckmantel der Tötungslust, denn, so die provokante Kritik des Autors, „begründen“ lässt sich alles, doch glauben sollte man davon eher nichts.
Noch nicht erschienen.
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Band 10: Anna Kim
DER SICHTBARE FEIND
Die Gewalt des Öffentlichen und das Recht auf Privatheit

Diskussionen über die Bedrohung des Privaten durch Abhörskandale und Rasterfahndungen sind an der Tagesordnung. Anna Kim zieht eine Entwicklungslinie von der historischen Aufhebung der Privatsphäre im Verhör zur heutigen Nutzung digitaler Technologien für staatliche Übergriffe. In der Situation des Verhörs wurde das Individuum schon immer einer Willkür des Öffentlichen unterworfen. Anna Kim erzählt die unerhörte, bis in die Antike zurückreichende Geschichte von Verhörtechniken und -strategien und führt uns bis zu den Diktaturen der Moderne, die diese mit Beschattungsexzessen und Schauprozessen perfektioniert haben. So entsteht eine ungewöhnliche Genealogie der Überwachung als öffentlich sanktionierter Gewaltakt.
Erscheint am 19. Februar 2015.

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